Sonja Hefele

* 1949

  • "Und dann kam der Direktor rein und holte mich aus der Klasse raus und hat sehr, ich glaube nicht das ich das verbalisieren kann, ich habe sofort gewusst, es ist etwas ganz Schlimmes. Er hat mich nach Hause geschickt und hat gesagt ich darf auch nicht mehr kommen. Also ich wußte dass ist jetzt irgendwas ganz was Schlimmes war, entweder ist mein Vater tot oder...Ich habe mich nicht nach Hause getraut. Dann bin ich aus der Schule raus und habe mich unter einen Busch gesetzt und habe mir gedacht, jetzt möchte ich eigentlich sterben wollen. Ich möchte eigentlich garnicht wissen wieso ich nicht mehr in die Schule gehen darf. Das war, glaube ich, so der Höhepunkt meiner Angst. Irgendwann bin ich dann doch nach Hause gegangen. Und dann haben meine Eltern dort getanzt, total ausgelassen, und rumgehupft und rumgeblödet wie so zwei junge Geisen. Und ich stand da und was ist passiert: Ja, wir dürfen nach Deutschland. Also für mich war das ein Erlebnis des absoluten Niedergangs und für meine Eltern war das das absolute Highlight."

  • "Auf jedenfall dieser 28. war also der Abreisetag und dann kam also dieser Herr Latter zu uns in der früh um 5 Uhr, und das war alles schon abgesprochen. Wir hatten also angegeben mit dem Zug, das weiß ich noch heute, um 10 Uhr würden wir also mit dem Zug in Schlaggenwald (Horní Slavkov) losfahren Richtung Grenze. Und wir sollten dann um 17 Uhr in Eger sein, uns dort melden an diesem Zug und dann einsteigen und dann sollten wir über die Grenze fahren. Und der Herr Latter hat gesagt dass machen wir nicht, zu meinem Vater. Ich bring euch mit dem Taxi, und zwar nicht über die normalen Straßen, sondern über Schleichwege. Und dann sind wir über "Stock und Stein", über Feldwege nach Eger gerast. Weil dort in der Früh oder Vormittag auch ein Zug nach Deutschland gegangen. Das haben die irgendwie rausbekommen. Und dann sind wir dahin und tatsächlich stand der Zug da."

  • "In der damaligen Tschecheslowakei war das sehr gefährlich für Deutsche politisch aktiv zu werden. Das heißt meine Eltern haben sich konzentriert auf ihr schwieriges Dasein, schwieriges Leben. Haben versucht da durch zu kommen. Aber politisch engagiert waren sie nie. Mein Vater, das war eher so ein Rebell, der manchmal vergessen hat was man hätte sagen sollen oder was nicht. Aber, das muss ich sagen, zu meinem großen Leidwesen, habe ich auch damals erlebt, dass mein Vater halt auch sehr verprügelt nach Hause gekommen ist. Der hat also auch Prügel bezogen, als erwachsener Mann. Das er halt mal mit blutiger Nase oder nicht nur blutiger Nase, also manchmal schon richtig schlimm zugerichtet, nach Hause kam. Weil er halt wieder mal irgendwie nicht den Mund halten konnte."

  • "Sie wollten also über die tschechisch-österreichische Grenze gehen. Sie haben auch einen Fluchthelfer gehabt. Der Grund dieser Flucht war noch nicht einmal weil es ihnen so schlecht ging dort. Sondern weil mein Vater...Weil in der Zeit es so war, dass also diese Kasanierung der Deutschen...weil die eben noch dort waren. Und da muss ich mal ganz kurz wieder zurückgreifen, also damit sie das überhaupt verstehen. Mein Vater ist zur See gefahren als Minenräumer. Ist '45 in amerikanische Gefangenschaft geraten und die Amerikaner haben dann, nachdem er Sudetendeutscher war, ihn an die Tschechen übergeben hat. Mein Vater kam dann sofort in die Burg, nach Ellenbogen (Loket), wo er dann erst einmal eingesperrt worden ist. Auch sehr gelitten hat, weil er auch geschlagen wurde, etc. Und ist dann sozusagen, nicht auf Freien Fuß, also heute würde man sagen Fußfesseln. Er musste sich halt täglich melden. Also er war eigentlich nicht frei, aber die Gefängnisse waren halt übervoll und man konnte ihm eigentlich nicht wirklich etwas vorweisen, ausser das er halt als junger Mann ein Soldat war. Also hat man ihn dann sozusagen mit einem Bann belegt. Er durfte also ein bestimmtes Areal nicht verlassen. Und er fürchtete immer, dass das also noch nicht das Ende ist. Weil er ist ja nicht verurteilt worden, das war ja nur ausgesetzt auf Zeit und er befürchtete eben, weil das scheinbar schon in seinem Umfeld auch passiert ist, das sie ihn wieder holen. Und das war eigentlich der Grund des Fluchtversuchs. Sie waren dann also schon auf österreichischem Boden, Mutter hat totale Panik gekriegt und hat Sehnsucht nach ihren Eltern gekriegt beziehungsweise hat Angst gehabt um ihre Eltern, um ihre Familie, wenn sie jetzt flüchtet, was dann passiert. Und dann sind die wieder zurück. Und das war eigentlich der ganz große Fehler."

  • "Ich habe das ganz große Glück gehabt, dass ich mit sehr vielen Menschen zusammen gekommen bin und ich habe sehr viel gelernt von denen. Und ich möchte jetzt nur zwei Beispiele nennen: Zum Beispiel diese Lehrerin, die mir Deutsch beigebracht hat. Das ist eine Jüdin. Und die hat mir gesagt: Weißt du, ich kann die Deutschen nicht hassen, weil die Deutschen haben meine ganze Familie ausgerottet, aber ein Deutscher hat mir das Leben gerettet. Einer der bei uns in der Deutsch- Tschechischen-Gesellschaft Mitglied ist, hat gesagt, ich kann die Tschechen nicht hassen. Die Tschechen haben meine Mutter erschlagen bei der Vertreibung, meine kleine Schwester ist gestorben, aber eine tschechische Familie hat mich aus dem Elend herausgeholt, hat mich versteckt und hat mich gerettet. Also, sie verstehen vorauf ich hinaus will. Dass es überall auf der Welt wo Böses passiert, Böses geschieht. Aber eben auch genauso gut Gutes. Und ich denke halt, dass die Generation meiner Eltern die Aufgabe hatte, das was die verwüstet haben, mal zu roden. Meine Generation hat die Aufgabe die Wege abzustecken. Die Generation meiner Kinder müssen pflastern, damit deren Kinder drüber laufen können."

  • Full recordings
  • 1

    Gerstenstr. 28, 86356 Neusäß, Germany (at her home), 25.09.2012

    (audio)
    duration: 
    media recorded in project Iron Curtain Stories
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Die Wege abstecken

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Sonja Hefele

  Sonja Hefele wurde am 5. Februar in Karlsbad (Karlovy Vary) geboren. Sie ist die Tochter von Erich Christl aus dem Sudetenland und Ilse Sterzik, die 1944 aus Schlesien vertrieben wurde. Aus Angst vor einer Inhaftierung des Vaters, flohen die beiden 1949 mit der jungen Sonja Hefele über die tschechisch-österreichische Grenze. Um Sorge um die Familie ihrer Mutter entschlossen sie sich aber wieder zurück in die ehemalige Tschechoslowakei zu kehren. Sonja Hefele besuchte von 1954 bis 1958 die Grundschule in Schlaggenwald und anschließend die Mittelschule bis zu ihrer Ausreise im Jahre 1964. Sie verbindet mit dieser Zeit vor allem Ausgrenzung in der Schule durch ihre mangelnden Kenntnisse der tschechischen Sprache und Angst um das Leben ihres Vaters. Im Frühjahr 1964 wurde der Familie die Ausreise nach Deutschland genehmigt. Am 28. November 1964 sollte die Familie Vormittags mit dem Zug von Schlaggenwald nach Eger (Cheb) fahren. Allerdings misstraute der Vater den tschechischen Behörden und fuhr mit der Familie im Morgengrauen über Feldwege direkt nach Eger und die Familie nahm dort den ersten Zug nach Deutschland. Im Februar 1965 wurde der Familie dann in Augsburg eine Wohnung zugewiesen. Ihr beruflicher Werdegang begann in Augsburg bei der Firma NCR. Anfangs als „Laufmädchen“ eingesetzt, erkannte ihr damaliger Chef ihr Potential und bot ihr eine Ausbildung als Bürokauffrau an. Außerdem ermöglichte er der jungen Sonja Hefele einen Deutschkurs bei einer Nonne. „Diesen beiden Menschen habe ich alles zu verdanken“, erinnert sie sich. 1987 begann sie mit redaktioneller Arbeit beim Augsburger Radiosender „Radio KÖ“ und beim „Stadtmagazin Augsburg“. Seit dem Jahre 1999 ist sie im „artefakt – Kulturmanagement Augsburg“ tätig, wobei sie sich ins besonders um Projekte zur Förderung des kulturellen Austausches zwischen Deutschland und Tschechien kümmert. Seit 2010 ist sie ehrenamtlicher Vorstand der Deutsch-Tschechischen-Gesellschaft in Augsburg. Sonja Hefele widmet ihre ganzes Leben dem „Abstecken der Wege“ zu neuen deutsch-tschechischen Beziehungen.